11 June 2026

Book Presentation: Arenberg im Alten Reich

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H.S.H. Duke Leopold of Arenberg and Prof. Dr. Martin Wrede (Grenoble), editors, will present the book.

The laudatory address will be given by Prof. Dr. Ewald Frie (Tübingen) on the topic: "Familiengeschichte - Adelsgeschichte - Allgemeine Geschichte"

Programme:

3:00 PM: Direktion des Institut Français: Welcome address
3:15 PM: Duke Leopold of Arenberg: Die Arenberg-Stiftung. Ein europäischer Think Tank
3:30 PM: Prof. Martin Wrede: Arenberg herausgeben. Zur Entstehung eines Buches
3:45 PM: Prof. Ewald Frie: Familiengeschichte – Adelsgeschichte – Allgemeine Geschichte
4:30 PM: Reception

Moderator: dr. Ulrich Fischer, Direktor des Historischen Archivs Köln

11 June, 3.00-6.00 PM, Institut Français, Cologne
(Sachsenring 77, 50677 Cologne)

Laudatio prof. dr. Martin Wrede

Familiengeschichte - Adelsgeschichte - Allgemeingeschichte

Von Ewald Frie, Tübingen

Beginnen wir zeitgemäß mit einer Triggerwarnung: Wenn Sie die Eifel mögen, gar aus der Eifel stammen und ihr von Herzen zugetan sind, sollten Sie dieses Buch nur lesen, wenn Sie über gute Nerven verfügen. 68-mal kommt „Eifel“ in dem Buch vor, und kein einziges Mal ist sie positiv konnotiert. In der Regel wird der geographische Begriff einfach verzeichnet – Eifel halt. Wenn mehr Informationen gegeben werden, hören sie sich so an: Der Familie Arenberg fehlte „im späten Mittelalter angesichts der Randlage der Burg in der Eifel ein markantes Zentrum.“ (57) Sie besaß ein „kleines, nicht sonderlich ertragsstarkes Territorium in der Eifel“ (65) oder, an anderer Stelle, eine „bescheidene Landesherrschaft in der Eifel“ (153); Brüssel bot „mehr Abwechslung und Bequemlichkeit als die Eifel“ (134); „die kargen Böden und die harten Witterungsverhältnisse der Eifel standen einer ertragreichen Landwirtschaft im Weg“ (144). Beim Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurde der neue Herzog von Arenberg „für den Verlust des (winzigen) Eifel-Herzogtums … sehr großzügig entschädigt“ (178/9)

Warum nehmen die Autorinnen und Autoren des hier vorzustellenden Bandes so wenig Rücksicht auf die Empfindsamkeit von Eifelfreunden? Weil die Mittelgebirgsregion wenig einbrachte und abseits der politischen Zentren lag, lautet die Antwort. Und weil sich daraus ein Rätsel ergibt, das dieses Buch trägt: Wie konnte aus der Familie eines 1576 gefürsteten Grafen und seit 1644 Herzogs von Arenberg mit reichsunmittelbarem Stammsitz in der Eifel, einer mindermächtige Familie, die, so Martin Wrede, vor 1770 Reichspolitik nur als Kampf ums Überleben betrieb, kurz vor dem Ersten Weltkrieg der sechstreichste Aristokrat in Preußen (nach fünf schlesischen Magnaten, 246) hervorgehen oder, wie es an anderer Stelle (281) heißt, der sechstreichste Preuße überhaupt? 

Glück war es nicht. Martin Wrede ist der einzige Autor des Bandes, der Worte wie „Glück“, „glücklich“ oder „unglücklich“ jenseits von Zitationen mehrfach, wenn auch nicht in systematischer Absicht verwendet. Am häufigsten wird das Glück beschworen in dem Aufsatz, den Wrede zusammen mit Bertrand Goujon verfasst hat und in dem es ums Heiraten geht. Erfolgreiche Eheallianzen waren wichtig, um die Generationenfolge fortzusetzen und um Besitz und Rang zu wahren und zu mehren. „Unter beiden Gesichtspunkten kann man den Arenberg verschiedentlich eine glückliche Hand attestieren.“ (169) Das gilt nicht für die während der napoleonischen Zeit geschlossene Verbindung von Prosper Louis Herzog von Arenberg mit Stéphanie Tascher de la Pagerie. Aber nach dem Sturz Napoleons wurden die letzten Hindernisse beseitigt „für die Auflösung dieser unglücklichen Verbindung“ (182), der eine zweite, glücklichere und funktionalere Heirat folgte. Jenseits der Ehen spielt Glück zur Lösung des buchprägenden Rätsels eine Nebenrolle. „Zufall“ kommt nur dreimal vor, zweimal davon verneinend: „kaum ein Zufall“ (278), „man wird das nicht als Zufall ansehen dürfen“ (172). Einmal heißt es positiver: „Mitunter richtet der Zufall die Dinge“ (169), aber da sind wir wieder in dem Aufsatz übers Heiraten. Wenn das Rätsel des spektakulären Aufstiegs aber nicht durch Glück oder Zufall erklärt werden kann – womit dann?

Hier nun wird die Sache wirklich interessant. Denn das Buch kann gelesen werden als eine Unterhaltung zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über die Bedingungen der Möglichkeit adligen Erfolgs. Werner Paravicini erinnert einleitend an den „Adel als autonome Existenzform“ (27). „Der Kampf, der Wettbewerb war des Adels Lebenselement“ (27), schreibt er. Der Adel entwickelte eine gedankliche Parallelwelt zur Kirche, hielt Totsünden hoch, „die die Kirche verdammte“ (28). „Der Adel unterwirft sich nicht der Kirche, er nutzt sie aus.“ (32) Aus dieser Perspektive ging die große Zeit des Adels in der Frühen Neuzeit zu Ende. Der entstehende Staat rahmte den adligen Eigensinn. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wandten sich Adel und Fürsten vom Krieg ab. Sie kümmerten sich um Philanthropie, Bibliotheken, Museen, Parks und Gärten, was, so Paravicini, „als Beweis ihrer schwächeren Legitimation zu werten ist. Von nun an hatte man sich als nützlich zu erweisen.“ Im 19. Jahrhundert folgte das „Gefängnis des Nationalstaats“ (36). Genau in diese adelsfremder werdende Zeit fällt aber der Aufstieg der Arenbergs. Waren sie nach-adlig?

Eher schon müssen wir die aus Dichtung und Literatur gewonnenen heroischen adligen Selbstbilder einer profaneren Wirklichkeit anpassen. Stefan Pätzold hat schon für das Spätmittelalter Schwierigkeiten, das als adelstypisch geltende „selbst-reflexive und -konstituierende Imaginarium“ zu finden, „das seinerseits durch eine familienspezifische Memoria und ein von ihr bestimmtes Selbstverständnis geprägt ist.“ (44) Nach Untersuchung des Märkisch-Arenbergschen Falls für das Spätmittelalter rät Pätzold, adlige Selbstwahrnehmung viel flexibler, situationsangepasster zu denken (58). 

Martin Wrede geht in mehreren Aufsätzen zwischen dem Arenbergschen Fall und der Reichsgeschichte der Frühen Neuzeit hin und her. Die Gründung des frühneuzeitlichen Hauses Arenberg verdanke sich vor allem der erfolgreichen Vernetzungsstrategie der Margarethe von der Mark in Richtung Wiener Hof. Die Fürstung und dann die Erhebung zum Herzogtum änderten nichts daran, dass die Arenbergs mindermächtig waren. Ihre Reichspolitik sei vor dem Dreißigjährigen Krieg „marginal und auf den eigenen Nutzen ausgerichtet“ gewesen. „Dies ist wenig überraschend; es war reichsständisches Normalverhalten.“ (96) Anette Baumann untersucht, wie die Arenbergs die Reichsgerichte nutzten, und findet sie erstaunlich inaktiv. Wichtiger als der Rechtsweg war „ein eher persönliches Verhältnis zu einigen Herrschern“ (128). Detlef Berghorn zeigt, dass die Arenbergs ihr Stammland in der Eifel nicht missen wollten, schon allein, weil es ihren reichsunmittelbaren Status gewährleistete – was in der Frühneuzeit nicht untypisch war. Aber sie gaben sich wenig Mühe, ihr Stammland zu prägen. „Jede Fähigkeit zur ‚Staatsbildung‘ fehlte“ (93), schreibt Martin Wrede an anderer Stelle. Er zeigt außerdem, dass die Arenbergs nur eine von mehreren hochadligen Familien am Rhein waren, die mit bescheidenen materiellen Mitteln auskommen mussten. Das aber machte sie auch findig, mobil. Gerade weil ihre politische Existenz prekär war, suchten sie überall nach Gelegenheiten. Sie waren zuverlässig unzuverlässig und verbanden gerade dadurch das Reich mit dem Nordwesten und Südwesten Europas. Schon vor dessen formaler Auflösung trat Louis Engelbert von Arenberg Anfang 1806 aus dem Alten Reich aus. Durch Anlehnung ans napoleonische Frankreich wollte er rechtsrheinisch für linksrheinische Verluste kompensiert werden. Seine Frau und seine Schwiegermutter verfolgten derweil in relativer Unabhängigkeit von ihm in Brüssel eine andere Strategie. Die Entschädigungsterritorien, Vest Recklinghausen und Amt Meppen, nahm Louis Engelbert 1802 eilig in Besitz. „Arenberg war zu diesem Zeitpunkt mit keinerlei Landesherrschaft mehr ausgestattet und führte eine reichsrechtlich nur mehr prekäre Papierexistenz“, schreibt Matthias Kordes. „Endlich wollte man im rechtsrheinischen Deutschland buchstäblich wieder festen Boden unter die Füße bekommen.“ (253) 

Natürlich kann man im Rückblick auf die Frühe Neuzeit sagen, dass die Arenbergs transregional, transnational, in gewisser Hinsicht transimperial (16) unterwegs waren – so Martin Wrede in seiner Einleitung. „Sie haben Teil an der Geschichte … der Niederlande, Frankreichs, der spanischen Monarchie und der der österreichischen Habsburger – und natürlich an der des europäischen Adels in seiner Gesamtheit.“ (17) Aber das verlieh den mindermächtigen reichsadligen Familien der Rheinregion, zu denen die Arenbergs gehörten, nicht Glamour, sondern Prekarität. Sie waren nicht besonders präsentabel. Ihre Geschichte wird daher im Band benutzt, um politische Strukturen des Reichs und Europas insgesamt zu veranschaulichen, nicht, um zu behaupten, dass die Arenbergs hier bedeutend oder gar prägend gewesen seien. Im 19. Jahrhundert verengten sich aus der in der Einleitung eingenommenen Perspektive die Handlungsspielräume: der Nationalismus fand multinationale Verankerungen und transnationale Karrieren verdächtig, die Staatsbildung schloss das Möglichkeitsfenster für provisorische Zwischengewalten wie die Standesherrschaften. Aber genau in dieser Zeit wurde der Grundstein für den Reichtum und die europäische Sichtbarkeit der Arenbergs gelegt. Während sich, wie Werner Paravicini und auch Martin Wrede behaupten, adlige Handlungsspielräume verengten, traten die Arenbergs aus der relativen Normalität adliger Existenzweisen heraus. Irgendetwas knirscht in der Kongruenz zwischen Adelsgeschichte und Arenberggeschichte. 

Die Schlüsselepoche für dieses Auseinandertreten liegt zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress. Kein Wunder, dass sie in dem Band besonders präsent ist. Von den beiden Ehen des Prosper Louis Herzog von Arenberg war schon die Rede. William Godsey zeigt, wie existenziell und dramatisch die 1790er und frühen 1800er Jahre für den nach einem Jagdunfall früh erblindeten Herzog Louis Engelbert von Arenberg, Vater von Prosper Louis, gewesen sein müssen. Er war in Belgien aufgewachsen, französisch erzogen, seine Deutschkenntnisse verbesserungsfähig. Er galt als früher belgischer Patriot, später als Bewunderer Napoleons. Anfang der 1790er Jahre hielt er sich abwechselnd im revolutionären Paris und in der Eifel auf. Distanz zur Habsburgerherrschaft in den südlichen Niederlanden war ihm wichtig. Schloss Arenberg, lange vernachlässigt, wurde daher „verschönert und bewohnbar gemacht“ (202). Doch dann wurde seine Schwiegermutter 1794 in Paris geköpft. Er selbst flüchtete vor den vorrückenden französischen Truppen nach Wien, nunmehr „ein Reichsfürst ohne Hoheitsgebiet“ (197). Im Zentrum der wenige Jahre zuvor noch verachteten Habsburgerherrschaft hoffte er, sein Kapital als Reichsfürst mit Sitz und Stimme am Reichstag zu nutzen, um seinen Stand zu sichern und seine Herrschaft wiederzuerlangen bzw. für ihren Verlust entschädigt zu werden. Seine Frau und seine Mutter hingegen gingen nach Brüssel. Sie wollten mit dem revolutionären Frankreich ins Geschäft kommen, notfalls den Adelsstand opfern, um den reichen Waldbesitz in Belgien zu retten. Briefe gingen zwischen Brüssel und Wien hin und her, mehrere Familienkonferenzen wurden einberufen. Alle Arenbergs waren unsicher. Ständig veränderten sich die militärischen und politischen Rahmenbedingungen. Niemand wusste, was als nächstes geschehen würde. 1798 brach der Zweite Koalitionskrieg aus. Napoleon ging nach Ägypten. Die Verhandlungen in Rastatt über Entschädigung der Fürsten, die – wie die Arenbergs – linksrheinische Gebiete an Frankreich verloren hatten, gerieten ins Stocken. Herzog Engelbert Louis zog sich auf ein Schloss seines Schwiegersohns in Südböhmen zurück. Das war, so Godsey, der „politische Tiefpunkt seines langen Exils“ (212). 

Nach dem Frieden von Lunéville 1801 begann der Länderschacher erneut. Lesen Sie Godsey, wenn Sie alle Windungen und Wendungen der Verhandlungen im Allgemeinen und der Arenbergschen Winkelzüge im Besonderen nachvollziehen wollen. Ehrenvoll im Sinne von standhaft oder deutsch oder freiheitsbezogen oder was immer waren sie nicht. Dafür waren sie erfolgreich. Die Arenbergs wurden dank französischer Protektion 1806 zu einem formal selbständigen Rheinbundstaat mit den Ämtern Meppen und Dülmen und dem Vest Recklinghausen. Das war ein „schwindelerregender Aufstieg in die formale Unabhängigkeit“ (220), der nicht lange währte. Aber er nahm, so Godsey am Schluss, „die Verlagerung des Hauses Arenberg im 19. Jahrhundert nach Deutschland vorweg“. Und er bildete die Grundlage „des immensen, auf dem Bergbau im Ruhrgebiet beruhenden Reichtums von Louis Engelberts Nachkommen. … Nicht zuletzt deswegen muss Herzog Louis Engelbert als der moderne Stifter seines Hauses gelten.“ (220)

Über den Auf- und Ausbau des Reichtums der Familie aus dem Bergbau heraus schweigt der Band diskret. Dafür informiert Nicolas Rügge über die Herrschaft der Arenberger im Amt Meppen. Sie waren dort nach 1815 keine Landesherren mehr, sondern gehörten zum Königreich Hannover. Sie durften aber eine Art „Unterlandesherrschaft“ (Heinz Gollwitzer) aufbauen. Diesen Kompromiss hatte der Wiener Kongress für die Fürsten gefunden, die ihre Souveränität nach der napoleonischen Zeit nicht zurückerhielten. Sie sollten nicht einfach zu Untertanen ihrer vor 1802 bzw. 1815 gleichrangigen Herrscherkollegen degradiert werden. Die Standesherren blieben hochadlig und damit international heiratsfähig. Sie konnten Herrschaft in Privatbesitz umwandeln. Die Arenberger nutzen anschließend Ablösungen und Abfindungen, die im Zuge der Agrarreformen anfielen, konsequent zu weiterem Landerwerb, der auch blieb, nachdem die Preußen das Königreich Hannover übernommen und die Unterlandesherrschaft beseitigt hatten. „Innerhalb nur eines Jahrhunderts waren die Herzöge von Arenberg als entschädigter Reichstand ins Emsland gekommen, zum souveränen Herrscher aufgestiegen, als Standesherr mediatisiert worden und schließlich als Großgrundbesitzer geblieben“ (246), so Rügge. 1890 umfassten die Liegenschaften fast 7.800 ha, davon über 80 % Forsten. „Innerhalb von 40 Jahren waren die Waldgebiete auf das Dreifache angewachsen“ (246). Der Reichtum ermöglichte es den Arenbergern, die vom Wiener Kongress zugesicherte Hochadligkeit zu europäischen Eheallianzen zu nutzen. Die einzige Tochter von Prosper Louis heiratete in die römische Aristokratie, drei Söhne in den mitteleuropäischen Hochadel. Zwei Söhne verbanden sich mit dem Hochadel des Habsburgerreiches. 

Eine Generation und eine Reichsgründung später – wir sind mittlerweile am Ende des 19. Jahrhunderts angelangt – verließen die Arenberger mit ihren Heiratsallianzen Mitteleuropa und wurden deutsch, und auch ein wenig belgisch. Das passt zu ihren Aktivitäten in einer gegenüber der Welt des Wiener Kongresses völlig veränderten politischen Landschaft. Es gab nun Parlamente und Wahlen. Hofnähe setzte sich nicht mehr automatisch in politische Macht um. Engelbert August von Arenberg (1824-1875), vom Deutschen Bund geprägt und nach Wien orientiert, fand sich durch Preußens Angriff auf die standesherrlichen Rechte in Meppen tief verletzt. Der Kulturkampf empörte ihn. Arenbergsche Beamte organisierten daher Wahlkämpfe des Zentrumsführers Windthorst. Das passte zur Stimmung im Katholizismus der 1870er Jahre, als dessen führender Teil sich zahlreiche westdeutsche Adlige empfanden. Doch schon Franz von Arenberg (1849-1907), Neffe von Engelbert August und Vormund von dessen Sohn Engelbert Maria, verband das bleibende Engagement im Zentrum mit Sympathie für das Hohenzollernreich. Er integrierte sich ins Berliner Hofleben, gehörte zum Freundeskreis der Baron Spitzemberg und des späteren Reichskanzlers Bernhard von Bülow. Die Familie Arenberg wurde nun in Berlin „nicht mehr als eine eigentlich ausländische wahrgenommen“ (277), hält Martin Kohlrausch fest. 

Engelbert Maria von Arenberg (1872-1949) wiederum, neunter und letzter regierender Herzog von Arenberg, gehörte zwar ebenfalls der Zentrumspartei an, für die er drei Jahre 1909-1912 im Reichstag saß. Aber er identifizierte sich mit dem Regiment Wilhelms II. und bewegte sich aufgrund seines Reichtums „in den höchsten Sphären des wilhelminischen Reiches und am Hof“ (278). Anders als sein Vater nutzte er „die Arenen, in denen sich die politische Kultur des neuen Reiches herausbildete und dessen Elite formte“ (278). Umgekehrt dürfte, so Kohlrausch, Wilhelm II. über den Arenberger den katholischen Hochadel an den protestantischen Berliner Hof zu binden versucht haben (278). Nach dem Ersten Weltkrieg wählte Engelbert Maria nicht, wie so viele seiner Standesgenossen, die politische Radikalisierung, sondern zog sich ins Privatleben in die Schweiz zurück, nach Bertrand Goujon und Peter Neu von millionenschweren Aktienpaketen lebend, „die er in die Niederlande gerettet hatte“ (298). „Aufgrund ihrer Stabilität, Neutralität und Diskretion, die in der Zwischenkriegszeit von den Vermögenden des alten Kontinents geschätzt wurde, bot die Schweiz jenen Teilen des alten Adels eine beruhigende Rückzugsposition, die hier Ruhe und Wohlstand wiederfinden wollten und zugleich versuchen konnten, ihre Position zu halten, die durch den Zusammenbruch der Monarchien, mit denen sie jahrhundertelang ihr Schicksal verknüpft hatten, und durch die Durchsetzung der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Moderne erschüttert worden war.“ (298) Was danach geschah, ist nicht mehr Thema des Bandes. 

Wie konnte eine mindermächtige rheinische reichsadlige Familie derart einflussreich und überhaupt reich werden und bis ins 21. Jahrhundert bleiben? Diese Frage ergab sich aus dem einleitend konstatierten Eifel-Bashing der Autorinnen und Autoren des Bandes. Viele von ihnen schildern die Arenberger als eine Art Essenz der jeweiligen Epoche. So waren sie, die Adligen des Mittelalters, des 16. Jahrhunderts, die Mindermächtigen der Frühen Neuzeit, die einflussärmeren Länderschacherer um 1800, die Standesherren des mittleren 19. Jahrhunderts, der Zentrumsadel im frühen Kaiserreich, der wilhelminische Geldadel der Jahrhundertwende, die Vermögenden nach dem Zusammenbruch Europas. So waren sie, und die Arenberger waren genauso oder besonders so. Wie aber kamen sie dann von einer Epoche zur anderen? Wie bewältigten sie den Wandel, den viele Autorinnen und Autoren am Ende ihrer Artikel als Niedergang schildern: den Niedergang des anarchischen Adels um 1500, des Reichsadels um 1800, der Standesherren um 1870, des Hofadels nach 1918? Ein Großteil der Erklärung ist wohl, auch wenn die Autorinnen und Autoren – Martin Wrede ausgenommen – das nicht sagen oder sogar ablehnen, Zufall und pures Glück. Niemand konnte sicher sein, dass die Ehefrauen der Arenberger immer wieder Nachkommen gebären und großziehen würden. Niemand wusste um 1815, dass unter dem Boden des Vests Recklinghausen Kohle lagerte, und wie viel sie wert sein würde. Und weil man Glück eigentlich nicht so häufig hintereinander haben kann, ist die Arenberg-Geschichte so außergewöhnlich. Die Regel ist, dass Adelsfamilien aussterben, bankrott gehen oder sonstwie verschwinden. Die Geschichte ist ein „Friedhof der Eliten“, hat Vilfredo Pareto einmal geschrieben, und das gilt natürlich auch für den Adel. 

Etwas Anderes aber kommt hinzu. Stefan Pätzold hat auf die „flexible, der jeweiligen Situation angemessene Selbstwahrnehmung“ (58) der Märker bzw. Arenberger im Spätmittelalter hingewiesen. Der Adel gilt als traditionsverhaftet und rückwärtsorientiert. Die Beiträge des Bandes zeigen aber, dass das für die Arenberger gerade nicht stimmt. Sie passten sich an, orientierten sich neu, waren flexibel. Sie konnten Überzeugungen über Bord werfen, neue Maxime als immer schon dagewesene deklarieren, Vergangenheit der Gegenwart anverwandeln, Geschichte nicht als Fessel sondern kreativ als Ansporn begreifen. Das war nicht einfach, wie William Godseys Detailanalyse der Zeit um 1800 besonders eindrucksvoll zeigt. Positionsveränderungen konnten schmerzhaft und umstritten sein. Aber sie wurden, wenn nötig, vollzogen, um Eigentum und Ehre der Familie zu retten und die Zukunft zu gewinnen. Es ist daher sehr passend, dass der Band mit „Gedanken“ von Leopold von Arenberg „zur Zukunft des europäischen Adels“ abgeschlossen wird. Seine Bestimmungen adliger Werte, seine Ratschläge an die Standesgenossen, seine Überlegungen, „wie der Adel sich als Minderheitengruppe neu erfinden kann“ (335), gehen von einem geschichtlichen Rückblick aus. Angesichts der wieder einmal – wie um 1500, um 1800, um 1920 – grundlegenden Veränderung des Umfelds, indem sich die verbliebenen Adelsfamilien bewegen, kann dieser Rückblick die Zukunftsoptionen nicht bestimmen, sondern nur anregen. 

Drei Dinge empfiehlt Herzog von Arenberg: Pflegen Sie das Familiengedächtnis, kümmern Sie sich nicht nur um die Ausbildung, sondern um die Erziehung der nächsten Generation, streben Sie danach, herausragend zu sein und nehmen Sie dabei Ihre Verwandte, Freunde und Bekannte mit. Nun sind weder die einzelnen Ratschläge noch ist deren Zusammenschau adelsspezifisch. Es handelt sich um Ratschläge, die alle Menschen beherzigen sollten, sofern sie, so von Arenberg, einen „positiven Einfluss auf das Geschehen in der Welt nehmen möchten“ (335). Der Adel ist in der demokratischen Gesellschaft angekommen und teilt ihre Werte. Seine Geschichte ist, wie der von Martin Wrede herausgegebene Band zeigt, vielfältig und manchmal verstörend – jedenfalls für Eifelliebhaber. Aber sie muss nicht binden, einengen, absondern. Sie kann uns alle anregen, wie ziemlich am Ende des Bandes der bislang unerwähnt gebliebene Beitrag von Axel Heimsoth „Arenberg ausstellen“ zeigt, in dem übrigens auch das Wort „Glücksfall“ vorkommt, im Zusammenhang mit der Übernahme des Vests Recklinghausen. Geschichte öffnet einen Möglichkeitsraum, den Zeitgenossen ohne den Schatz der Geschichte, den aber auch vergangene Generationen selbst nicht haben sehen können, weil ihnen die Herausforderung durch die heutige Gegenwart fehlte. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Bandes: Geschichte ist anders, überraschend. Sie ist traditionsbildend. Aber sie muss nicht verpflichtend sein, sondern kann ermutigen, die Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Engagieren Sie sich in der Zivilgesellschaft, ermuntert Herzog von Arenberg zum Schluss. „Es spielt keine Rolle, ob es um die intelligente Bewahrung der Natur und des gebauten Erbes geht, um Geschichtsvereine oder um junge Doktoranden, denen man Archivgut zur Verfügung stellt, um innovative Unternehmensgründungen oder Bemühen um eine nachhaltige Wirtschaft, die Qualität und damit Langfristigkeit produziert, oder auch um humanitäre Hilfe in der Nähe, Sorge um Alte, Kranke, ebenso wie um die Jüngsten.“ Möge das mithilfe dieses Buches den Arenbergern, dem Adel und uns allen gelingen. 

 

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